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Eine offene Stadt ohne Mauern

Eine offene Stadt ohne Mauern

Ein Mann, der seinen Zorn nicht zurückhalten kann, ist wie eine offene Stadt ohne Mauern. (Spr 25,28)

Wohin wir auch schauen, sehen wir immer wieder dasselbe Phänomen: Harsche Worte, vernichtende Kritik und bittere Anklagen, meistens öffentlich geäußert. Offensichtlich haben wir in Deutschland verbal aufgerüstet. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hatte die deutsche Bevölkerung genug von der braunen Verführung, Wutgerede und rassistischem Zähnefletschen. In den 50er und 60er Jahren war die Sprache des Konsenses und der Diplomatie in die Politik eingekehrt. Deutschland arbeitete seine Geschichte auf, so gut es ging.  Wer etwas zu sagen hatte und ernst genommen werden wollte, sollte das bitte mit Fakten belegen, es sollte vernünftig und auf jeden Fall rational sein.

Es gibt ein Wort, dass heute sehr oft verwendet wird: Zorn! Man spricht von Zornbürgern, einer Zornpolitik, ein Buch über Donald Trump heißt „Feuer und Zorn“, manche sprechen im Blick auf die Flüchtlingsproblematik von einem „gerechten Zorn“.

Gesellschaftliche Veränderungen werden nach biblischem Verständnis von Kirchen und Gemeinden geprägt. Auf jeden Fall zum Guten, wenn es aus Liebe zu Gott und zu dem Nächsten geschieht, leider auch zum Schlechten, wenn zentrale Inhalte des christlichen Glaubens mit liberalem Denken eingetauscht werden. Wenn die Bibel davon spricht, dass wir die „Sonne nicht über unserem Zorn untergehen lassen sollen“ (Eph 4,26), geht sie davon aus, dass jeder Christ irgendwann mal mit dieser unberechenbaren Gemütsbewegung Probleme haben wird. Paulus mahnt die Epheser, den Zorn nicht zu nähren wie ein liebgewordenes Haustier oder zu pflegen wie eine Waffe, die jederzeit einen tödlichen Schuss abgeben kann. Er weist sie darauf hin, dass Zorn immer dann zur Sünde führt, wenn er nicht mit Versöhnung, innerer Umkehr und Vergebung verbunden ist.

Zorn verlässt die segnende Hand Gottes und reißt die göttliche Schutzmauer ein. Jerusalem war vor dem Wiederaufbau durch Nehemia eine Stadt mit zerstörten Mauern. Die Stadt wurde ihrer Schätze beraubt und ihre Einwohner wurden in Gefangenschaft nach Babel deportiert. Eine Stadt ohne Mauern ist den Angriffen der Feinde hilflos ausgeliefert. Vielleicht hat Paulus dieses Bild vor Augen, als er die Gemeinde Ephesus davor warnt, am Zorn festzuhalten, da sie sonst dem Diabolos als Lügner und Verleumder die Möglichkeit geben, Macht über sie zu haben (Eph 4,27 NL).

Menschen, die nicht bereit sind, ihren Zorn in Vergebung und Versöhnungsbereitschaft zu verwandeln, werden ihrer geistlichen Schätze beraubt und geraten in eine Gefangenschaft von Hass und Angst. Inzwischen gibt es einen für Leib und Leben gefährlichen Antisemitismus in Deutschland, der vielen vor einigen Jahren noch undenkbar erschien. Jüdische Mitbürger erleben Ablehnung und Hass. Pöbelnde rechtradikale Gruppierungen demonstrieren ungehindert und skandieren: „Wer Deutschland liebt, ist Antisemit.“

Fangen wir doch bei uns selbst an. Rassismus und Antisemitismus sind keine Erfindung dieser Zeit.    Wer sich um unser Land sorgt, sollte sich um seine offenen Mauern kümmern.

 

Mit herzlichen Grüßen und Segenswünschen, 

Jobst Bittner

 

Predigt zum Thema Podcasts von Jobst Bittner