Berufung und Beginn des Kaplansdienstes
Meine Kaplanberufung begann mit der Frage, wem ich bereit wäre zu dienen. Der Krieg lief bereits von 2014 bis 2022, und in dieser Zeit begleitete ich geistlich Soldaten einer bestimmten Einheit. Davor hatte ich bereits eine militärische Ausbildung absolviert. Als Russland 2022 die große Invasion in der Ukraine begann, wurde ich gefragt, ob ich bereit sei, für die Soldaten zu beten und sie als Kaplan geistlich zu begleiten. So entstand mein Dienst aus einer echten, bereits gewachsenen Vertrauensbeziehung heraus.
Meine erste Front war Kyiv. Während die Stadt immer verlassener wurde und die Kämpfe tobten, verlagerte ich meinen Fokus zunehmend von zivilen Projekten hin zur geistlichen Unterstützung der Soldaten – der Kaplansdienst wurde zu meiner Hauptaufgabe.
Kaplansdienst
Heute unterscheidet sich der Dienst direkt an der Front wesentlich vom Dienst im Hinterland. Wir fahren dorthin, wo man uns braucht. Die Nachfrage nach Kaplänen ist derzeit sehr groß. Zunächst kümmere ich mich um das Team – Unterkunft, Essen, Sicherheit – erst danach kann der geistliche Dienst stattfinden. Die meisten Entscheidungen müssen schnell und spontan getroffen werden. Ich achte darauf, dass sich der Kaplansdienst nicht auf materielle Hilfe reduziert, sondern vor allem ein geistlicher Dienst bleibt.
Wir begegnen den unterschiedlichsten Soldaten, deren Leben der Krieg gezeichnet hat – Überlebende von Kampfhandlungen, Menschen, die Kameraden verloren haben. Für viele Soldaten ist der Krieg zu ihrer alltäglichen Realität und Arbeit geworden. Die Waffe ist für sie ein Arbeitswerkzeug. Der Krieg zwingt manche dazu, an die Grenzen der eigenen Moral zu gehen oder sie sogar zu überschreiten, um ihre Pflicht zu erfüllen. Viele Menschen tragen tiefe seelische Traumata.
Für mich ist das Wichtigste, zu hören, was Gott dem konkreten Menschen sagen möchte, mit dem ich gerade arbeite. Meine Aufgabe ist es, dem Menschen zu helfen, wieder ein Menschen zu sein, denn der Mensch wurde nicht für den Krieg geschaffen, sondern für die Gemeinschaft mit Gott. Ich möchte den Soldaten helfen, inneren Frieden zu finden und Gottes Gegenwart wieder zu spüren. Jeder Mensch braucht dabei einen anderen Zugang: Mit manchen bete ich, anderen höre ich einfach zu– manchmal ist die beste Unterstützung, schweigend anwesend zu sein. Ich suche ständig Gottes Führung, um zu verstehen, was Er diesem Menschen durch mich sagen möchte.
Schuldgefühle und Gottes Vergebung
Nach dem Verlust nahestehender Menschen, dem Tod von Kameraden, dem Zerbrechen der eigenen Familie, angesichts moralischer Dilemmata oder weil es nicht gelungen ist, einen Verwundeten rechtzeitig zu retten, stellen sich viele Soldaten die Frage: „Liebt mich Gott noch nach allem, was in diesem Krieg geschehen ist?“ In solchen Momenten ist es meine Aufgabe, den Menschen zu helfen, diese Last zu Christus zu bringen, ihre Schuld am Fuße des Kreuzes auf Golgatha abzulegen und Gottes Vergebung anzunehmen.
Viele Familien erwarten, dass ihre Angehörigen so aus dem Krieg zurückkehren, wie sie vor dem Krieg waren. Doch der Krieg verändert Menschen. Manche kehren emotional traumatisiert zurück, andere mit körperlichen oder seelischen Verletzungen. Einige haben bewusst bestimmte Seiten ihres Wesens verdrängt oder abgeschaltet, weil der Krieg Verhaltensweisen hervorgebracht hat, die zu überlebenswichtigen Reflexen geworden sind. Viele werden von schmerzhaften Erinnerungen verfolgt, mit denen sie allein nur schwer zurechtkommen.
Für mich ist es das größte Wunder zu sehen, wie Soldaten ihren Platz im Leben wiederfinden: Sie gründen Familien, eröffnen ein eigenes Geschäft und verwirklichen ihre Träume. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir eine Soldatin, die mir nach schweren Kampfhandlungen ein Foto ihrer Familie und ihres Erstgeborenen schickte. Genau solche Geschichten erinnern mich daran, dass Gott fähig ist, selbst nach den schwersten Erfahrungen Wiederherstellung zu schenken.
Wenn Gott existiert, warum lässt Er Krieg zu?
Auf die Frage: „Wenn Gott existiert, warum lässt Er Krieg zu?" gibt es keine eindeutige Antwort, sonst wäre es sehr leicht für Menschen sich zu bekehren. Menschen sterben auch an Krankheiten, Katastrophen und anderen Lebensumständen – nicht nur im Krieg. Wichtig zu verstehen ist, dass der Krieg nicht von Gott geschaffen wurde, sondern eine Erscheinungsform des Bösen, ein Krieg gegen die Menschen, den der Teufel führt.
Zugleich beginnen die Menschen selbst die Kriege: Politiker treffen die Entscheidung, sie zu beginnen, Soldaten führen sie, und Friedensstifter bemühen sich, sie zu beenden. Der Krieg ist nicht Gottes Plan für den Menschen, sondern das, was Menschen einander antun.
Grundlage des Kaplansdienstes
Die geistliche Vorbereitung ist ein notwendiger Teil des Kaplansdienstes. Gebet ist notwendig vor dem Einsatz, während des Dienstes und besonders nach der Rückkehr. Nach jeder Rückkehr vom Einsatz braucht es Zeit für geistliche Erneuerung, neue Begegnung mit Gott und innere Erfüllung.
Auf die Frage, wie der Krieg meinen Glauben verändert hat, antworte ich so: Wenn der Glaube nach der ersten Rakete zusammenbricht oder erst dann entsteht, sollte man sich fragen, ob er vor dem Krieg überhaupt echt war. Meine Beziehung zu Gott ist während des Krieges noch enger und vertrauensvoller geworden.
Mein Schlüsselvers ist: „Freut euch allezeit." Ich suche bewusst einen Grund zur Freude, selbst mitten im Krieg – am häufigsten die Möglichkeit, einem anderen Menschen zu dienen. Gott hat uns so geschaffen, dass wir durch den Dienst am Nächsten, wenn wir von uns selbst wegschauen, selbst wiederhergestellt werden und Kraft schöpfen.
Die menschliche Widerstandskraft und Resilienz sind begrenzt. Wenn ein Mensch mit Gott geht, trägt ihn Gottes Kraft dort, wo seine eigenen Kräfte enden.
Im Krieg erleben Menschen oft Einsamkeit – sie kann zur Falle werden, aber auch zu einer tieferen Begegnung mit Gott führen, wenn man Gottes Einsamkeit für sich ergreift und entdeckt, dass auch Gott diese Nähe sucht. Einsamkeit ist eine der größten Prüfungen auch für den Kaplan selbst: Gedanken wie „Ich habe es nicht geschafft zu helfen" tauchen auf. Wer aus eigener Kraft lebt, wird nicht lange im Dienst bleiben – der Kaplan muss sich erinnern, dass seine Kräfte begrenzt sind, Gottes Kraft aber unerschöpflich ist.
Die nächste Stufe von Gottes Liebe, wohin Christus uns bringen möchte, ist die Feinde zu lieben. Das kann kein Mensch aus eigener Kraft. Das ist ein übernatürliches Werk Gottes im Herzen des Menschen.
Je mehr Zeit ein Kaplan mit Gott verbringt, desto besser ist er vor Zynismus, emotionalem Ausbrennen und innerer Verhärtung geschützt. Nach jeder Fahrt braucht es bewusste Zeit für geistliche Erneuerung – nicht nur die Regelung praktischer Angelegenheiten.
Die Grundlage des Christentums ist Vergebung, durch die die tiefste innere Wiederherstellung des Menschen geschieht. Eine zentrale Aufgabe des Kaplans ist es, den Soldaten zu helfen, sich selbst und anderen zu vergeben und Gottes Vergebung anzunehmen.
Der Bedarf an Militärkaplänen ist heute sehr groß: Jeden Monat kommen neue Anfragen für Fahrten, doch es fehlt weiterhin an Kaplänen.
Was Kirchen über den Kaplansdienst und die Realität des Krieges wissen sollten
Die Kirche muss bereit sein, die Realität des Leidens anzunehmen, und darf sich nicht vom Schmerz derer abwenden, die den Krieg durchlebt haben. Jeder Rückkehrer von der Front braucht seelische Fürsorge, geistliche Unterstützung und Wiederherstellung. Wichtig ist, dass jede Kirche mindestens einen Kaplan hat, der sich mit traumatischer Kriegserfahrung auskennt: Ein Kaplan sollte keine externe Struktur sein, sondern Teil der Kirche, einer ihrer Diener, der der Kirche hilft, auf die Bedürfnisse der Menschen nach dem Krieg zu antworten.
Viele Veteranen kommen noch nicht in die Kirche, da der Krieg andauert und sie weiterhin Verantwortung für ihre Kameraden empfinden. Viele engagieren sich stattdessen in der materiellen Unterstützung der Soldaten an der Front, investieren ihre gesamte Zeit in diese Aufgabe und arbeiten oft ohne Pausen oder Erholungsphasen. Jeder Veteran trägt seine eigene Geschichte und eigene Traumata. Kirchen sollten deshalb überlegen, wie sie Programme zur Reintegration und Anpassung von Veteranen in ihren Dienst einbinden können und bereit sein, Mensche
n langfristig zu begleiten – so wie ein Vater für sein Kind sorgt: gemeinsam schwierige Zeiten und Konflikte durchstehen, helfen, ins normale Leben zurückzufinden.
Für manche Veteranen mit schweren körperlichen Verletzungen, etwa nach Amputationen, ist die größte Unterstützung oft einfach die Möglichkeit, unter Menschen zu sein und sich angenommen zu fühlen.
Eine Botschaft an junge Menschen
Den jungen Menschen möchte ich folgendes sagen: Betet, dass es keinen Krieg gibt. Krieg ist keine Romantik und kein Heldentum, sondern harte Arbeit, Schmerz und Verantwortung. Die Waffe ist im Krieg ein Werkzeug zur Erfüllung der Pflichten.
Man sollte nicht enttäuscht sein, wenn Gebete nicht beantwortet werden. Das Wichtigste ist, für Christus zu leben, unabhängig davon, ob Friedens- oder Kriegszeit ist – man darf sich der eigenen Verantwortung nicht entziehen, indem man allein auf die Hoffnung setzt, es werde nie Krieg geben – die Bibel selbst sagt, dass es Kriege geben wird, bis Jesus wiederkommt.
Jeder muss von Gott wissen, wo sein Platz ist. Gott beruft Menschen auf unterschiedliche Weise zum Dienst – als Arzt, als Erzieher der nächsten Generation, als Verteidiger oder anderswo. Am wichtigsten ist es, diesen eigenen Platz von Gott zu erkennen und darin zu bleiben.
Es ist gefährlich zu glauben, Vorbereitung auf Krisen sei nicht nötig – Gesellschaften, die die Bedrohung durch Krieg ignorierten, wurden oft Opfer von Aggression und totalitären Regimen. So war es teilweise in der Ukraine vor der russischen Invasion.
Der Krieg zerstört die Moral des Menschen, doch gerade deshalb gilt es, Gott noch mehr zu suchen: mit Ihm zu leben – in Friedens- wie in Kriegszeiten –, der eigenen Berufung treu zu bleiben und das Herz auf die Begegnung mit dem Herrn vorzubereiten.

